Region Rhein-Mosel
Der Unglücksort in Duisburg: Hobbyfotograf und Besucher der Loveparade, Sebastian Schmitt aus Oberhausen bei Kirn, fotografierte bedrückende Szenen.
28.07.2010
Duisburg / Kreis. Von Klaus D. Desinger
Die tödliche Katastrophe auf der Duisburger Loveparade: Auch Techno-Jünger aus der Nahe-Region waren am Unglücksort, als sich das Drama am Samstag ereignete.
Friedliche und ausgelassene Stimmung unter den Ravern auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs in Duisburg. Doch um 17 Uhr ereignete sich die Katastrophe am einzigen Zugang zum Gelände, in und hinter einem völlig überfüllten Tunnel. Das Gedränge in der Enge löste eine Massenpanik aus, Besucher wichen über eine Treppe nach oben aus, stürzten teils hinunter oder wurden schon in der Unterführung tot getrampelt. Diesen Horror-Tag wird auch eine Reisegruppe von der Nahe nie vergessen.
Sebastian Schmitt (31) aus Oberhausen bei Kirn: »Mein Wunschtraum war es, die hübsche Freundin von Oliver Pocher, Sandy Meyer-Wölden zu fotografieren. Als mir das gelungen war, schickte ich stolz eine SMS an meine Freunde in Kirn. Als kurze Zeit später mein Mobiltelefon vibrierte, vermutete ich Lob von meinen Bekannten. Aber es kamen zig SMS, ob wir noch leben. Ich glaubte an einen üblen Scherz, die Leute um uns herum tanzten doch«, erinnert sich Schmitt. Irgendwann kam er an die Unglücksstelle und begann zu realisieren, was passiert war. Sven Nickolaus (41) aus Hochstetten-Dhaun war auch in der Ravergruppe: »Ich fiel aus allen Wolken, als ich von dem Unglück hörte, wollte es nicht glauben. Viele wollten die Nachricht nicht wahr haben und tanzten weiter, da eh rundherum die Stadt in Blaulicht und Sirenengeheul unterging und ich auf eine Durchsage der Veranstalter wartete, die aber ausblieb«. Es sei richtig gewesen, die Party nicht abzubrechen, da es sonst zu einer noch größeren Panik gekommen wäre, wenn alle gleichzeitig gegangen wären, meint Nickolaus. »Mich beeindruckte, wie schnell Feuerwehr und THW ganze Zeltstädte aufgebaut hatten und wie viele Krankenwagen im Einsatz waren«.
Feiernde junge Leute, hübsche Mädels, darauf hatte sich Moritz Fickert aus Kirn gefreut. Doch diese Freude währte nur kurz: »Als es Richtung Hauptgelände ging, wurden alle Besucherströme zusammengeleitet, es gab nur einen Eingang, ein unaufhaltsamer Menschenstrom, wie Ameisen«, erklärt Fickert die Lage. Zu diesem Zeitpunkt habe man in der Unterführung nicht mehr umdrehen können, der Besucherstrom schob von hinten. »Mir war das bei dem Umzug mit den Lastern zu voll, ich hielt mich an einer Nebenbühne auf und sah, wie plötzlich lauter Rettungshubschrauber auf der Autobahn landeten, man hörte sie aber nicht auf dem Gelände, so laut war die Musik. Dann bekam ich mit, dass es schon zehn Tote gab (bis Redaktionsschluss waren es 19, Anm. d. Red.). Mir bleibt der total zerstückelte Baustellenzaun im Gedächtnis«, meint Fickert.
Sebastian Helm (28) aus Kirn-Sulzbach war schon nach dem ersten Rundgang über den alten Güterbahnhof die Feierlaune vergangen: »Wir waren eingesperrt wie in einem Käfig. Als die Loveparade begann, stürzte ich mich ins Getümmel und feierte bis 20.30 Uhr. Bis dahin hatten wir nicht mitbekommen, was passiert war - dreieinhalb Stunden nach dem Unglück und nur 250 Meter entfernt vom Ort des Geschehens«, so Helm.
Geschockt zeigte sich auch Christian Bill (23) aus Meckenbach bei Birkenfeld: »Irgendwann sah ich gar keine Leute mehr aus der Unterführung kommen, nur noch Feuerwehr und Krankenwagen neben uns auf der Autobahn. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt, dass es schon nicht so schlimm sei, so heiß war das Wetter ja nicht. Als die Polizei Durchsagen machte, dass wir die Notausgänge benutzen sollen, kam mir immer noch alles normal vor. Dann gingen wir zur Tanzpause an den abgesperrten, nur wenige Meter von uns liegenden Eingang und sahen die Bescherung. Ich fand es schlimm, dass wir nur 150 Meter von der Unglücksstelle entfernt standen, feierten und Spaß hatten und neben uns starben Menschen«, klagt Bill.
Schließlich hatte die Reisegruppe Glück im Unglück. Alle Teilnehmer trafen sich wieder unversehrt auf dem Busparkplatz am Wedaustadion. Gegen 4.20 Uhr kamen die Raver aus dem Hunsrück wieder wohlbehalten in Fischbach an. Es war die letzte Loveparade, der Veranstalter kündigte an, aus Respekt vor den Opfern das Festival nicht zu wiederholen. Die Staatsanwaltschaft Duisburg ermittelt nun gegen Unbekannt.
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